Laufende Projekte und aktuelle Veranstaltungen

Netzwerktreffen 27.06.2019 an der Universität Bielefeld

Am 27.06.2019 findet das nächste Netzwerktreffen an der Universität Bielefeld von 10:30 – 17:00 Uhr  statt. Örtliche Gastgeberin ist Friederike Schmidt.

Netzwerktreffen 26.02.2019 an der TH Köln

Am 26.02.2019 fand von 10:30 – 17:00 Uhr das Netzwerktreffen an der TH Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften statt. Örtlicher Gastgeber war Marc Schulz. Folgende Beiträge wurden diskutiert: Anika Klein: Die Bedeutung des Essens im Lebensverlauf; Jessica Schwittek: Ordnungswissen und Selbstpositionierungen geflüchteter Kinder im Spiegel von Mahlzeiten und Ernährung – methodische Fragen; Lotte Rose: Essen in der Tiergestützten Pädagogik sowie Marc Tull: Essen in Kitas und Grundschulen.

Tagungsbericht zu „Das Essen der Kinder. Zwischen Pädagogisierung, Konsum und Kinderkultur“ an der Universität Bielefeld, 6./7.12.2018

Autor: Marc Tull (Universität Trier)

Die Erziehungswissenschaft beteiligte sich an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Gegenstands- und Handlungsbereich Essen bis zu den Anfängen dieses Jahrzehnts nur am Rande. Zugleich sind im wissenschaftlichen Diskurs zum Essen bis dato Ernährungswissenschaften und Marktforschung vorherrschend, wobei sich diese auch genuin erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen widmen, wenn es z.B. um die Gestaltung des Essens in pädagogischen Einrichtungen oder die Erziehung zu einer gesunden Ernährung geht. Durch die Arbeiten dieser disziplinfremden Akteur*innen erhielt die Auseinandersetzung mit dem Essen allerdings einen etwas unrunden Geschmack: in deren ‚Rezepten‘ dominierten ein normatives Verständnis vom Essen und seiner vermeintlich optimalen Ausgestaltung sowie Strategien zur ‚Produktoptimierung‘ des Essens. Dies galt insbesondere mit Blick auf den Umgang mit dem hiesigen Tagungsgegenstand: dem Essen der Kinder. Erst mit dem Eintritt der Erziehungswissenschaft in die ‚Diskurs-Küche‘ erhielt die Diskussion um das Essen der Kinder schließlich nach und nach etwas mehr Würze.

Als erziehungswissenschaftliche Veranstaltung versammelte die Tagung „Das Essen der Kinder. Zwischen Pädagogisierung, Konsum und Kinderkultur“ an der Universität Bielefeld am 6. und 7.12.2018 erstmalig Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen zu empirischen und theoretischen Fragen des Essens der Kinder. Die Initiator*innen dieser Tagung waren Lotte Rose (Frankfurt University of Applied Sciences), Friederike Schmidt (Universität Bielefeld) und Marc Schulz (Technische Hochschule Köln). Kooperationspartnerinnen waren das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung Bielefeld (www.uni-bielefeld.de/zkjf/) und der Forschungsschwerpunkt „Bildungsräume der Kindheit und Familie“ der TH Köln.

Friederike Schmidt eröffnete die Tagung mit einem Rückblick auf die neuerlichen Entwicklungen in der erziehungswissenschaftlichen Forschung zum Thema und stellte die Bedeutung einer kindheitstheoretisch orientierten Perspektiverweiterung in der Betrachtung des kindlichen Essens mit Verweis auf die integrative Perspektive des ZKJF explizit als umfassende und interdisziplinäre Aufgabe heraus. Konkretere Ausführungen zu einer Gesamteinordnung des Themas verblieben Lotte Rose und Marc Schulz in ihrem Abschlussvortrag. Dieser lieferte einerseits einen systematischen Überblick über die hochproblematischen Thematisierungen von Kinderessen, das von unterschiedlichsten Akteur*innen – auch über den Wissenschaftsbetrieb hinaus – zur Projektionsfolie für gesellschaftliche Zukunftsängste gemacht wird und auf deren Grundlage die Legitimation für eine pädagogische Bearbeitung dieses Gegenstands erfolgt. Andererseits skizzierte der Vortrag aber auch Desiderate in der erziehungswissenschaftlichen Forschung zum Essen. Nicht nur mangelt es an institutionenspezifischen Differenzierungen, Studien zum Verhältnis öffentlicher und familialer Kinderernährung und zum Kind als autonomem Essenskonsumenten, auch wird bislang eine normative essenspädagogische Debatte vermieden.

Die weiteren Keynote-Präsentationen griffen indessen gezielt je einen der weiteren Tagungsschwerpunkte auf: Während Friedrich Schorb (Universität Bremen) anhand der Betrachtung von Präventionsprogrammen zur Verbesserung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens die Notwendigkeit eines kritischen Blicks auf den Umgang mit Kindern als Konsumenten von Essen aufzeigte, hielt Burkhard Fuhs (Universität Erfurt) ein Plädoyer für eine eingehendere Berücksichtigung der zentralen Akteur*innen, der Kinder, und eine Wahrnehmung der Eigenständigkeit kindlicher Esskultur. Daniel Kofahl (Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK) problematisierte am Beispiel der Ausbreitung von Gesundheits- und Diätkonzeptionen in kommunikativ-medialen Räumen die Normativität im Umgang mit dem kindlichen Essen, indem er die dort bereitgestellten, detailliert ausgearbeiteten Pläne für Eltern einer kritischen Betrachtung unterzog.

Auf der Menükarte der Tagung standen zudem sechs Panels, deren Beiträge – trotz großer thematischer Vielfalt – weitere vier wesentliche Aspekte des Essens der Kinder gemeinsam hatten:

Verlagerung des Essens in (sozial-)pädagogische Einrichtungen
Lag die zentrale Gemeinsamkeit der Beiträge von Michael Behnisch (Frankfurt University of Applied Sciences), Katharina Gosse (Universität Siegen), der Projektgruppe TH Köln, Violeta Trninic (Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd), Catherina Jansen (Hochschule Fulda) und Marc Tull (Universität Trier) insbesondere in ihrer Ausrichtung auf das Essen (sozial-)pädagogischer Institutionen, veranschaulichten diese beitragsübergreifend, wie sich mit der Organisationsform sowie der konkreten Ausgestaltung der Essenssituationen die Bedeutung dieser im Alltag unterschiedlicher Einrichtungen ändert. Dabei deutete sich in der Relationierung von Erwartungen an das Essen und seinen Praktiken an, dass vor allem Zielkonflikte aus divergierenden Ansprüchen die Umsetzung von Leitprinzipien in der Praxis erschweren.

(Normatives) Ernährungswissen in der Schule
Die drei aufeinander abgestimmten Beiträge von Angela Häußler, Maja S. Maier sowie Katja Schneider und Angela Häußler (Pädagogische Hochschule Heidelberg) beschäftigten sich mit unterschiedlichen Aspekten der Vermittlung von Ernährungswissen in Schulen und führten in diesem Zusammenhang Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung und des Professionalisierungsdiskurses zusammen. Dabei stellten sie gerade die Heterogenität der Perspektiven des angehenden Lehrpersonals heraus und versuchten aus hochschuldidaktischer Perspektive zu ergründen, wie ein „conceptual change“ hin zu einer differenzsensiblen, lebensweltbezogenen Perspektive auf den Essalltag der Schüler*innen entwickelt werden kann.

Selbst- und Fremdpositionierungen von Kindern beim Essen
Die Beiträge von Daniela Kloss (Universität Bielefeld), Jochen Lange (Universität Siegen) und Jessica Schwittek (Universität Duisburg-Essen) befassten sich mit Positionierungsprozessen beim Essen. Dabei nahmen die Vortragenden eine Perspektive ein, die die Kinder als multiple bzw. kompetente Akteur*innen in den sozialen Welten Familie, Schule und Peergroup fasst, in denen sie an generationalen und sozialen Ordnungs- und Aushandlungsprozessen teilnehmen. Ein Schwerpunkt zu diesem Themenbereich lag in der Ergründung von Ordnungswissen und Selbstpositionierungen, wobei in diesem Zusammenhang auch präzise veranschaulicht wurde, wie sich Diskurse um Ernährung und Bewegung in Abhängigkeit von ökonomischen, kulturellen und sozialen Einflüssen verändern.

Kinderernährung und elterliche Sorge
Die thematische Verbindungslinie der Beiträge von Eva Tolasch (Universität Jena), Judith Pape (Frankfurt University of Applied Sciences), Ulf Sauerbrey (Universitätsklinikum Jena & Friedrich-Schiller-Universität Jena) sowie Claudia Schick (Universitätsklinikum Jena) lag in der Rekonstruktion verschiedener Strategien unterschiedlichster Akteur*innen (Institutionen der Familienbildung, Elternratgeber und andere kommunikativ-mediale Räume) bei der normativen Besetzung von Essenssituationen aus dem privat-familiären Bereich. Kritisch wurde hier veranschaulicht, wie Baby- und Kleinkindernährung von diesen als komplexe Aufgabe entworfen und deren Ausgestaltung zum Qualitätsmaßstab für Erziehungsberechtigte wird.

Die Tagung in Bielefeld kann als ein weiterer wichtiger Beitrag verstanden werden, die Vielseitigkeit erziehungswissenschaftlicher Forschung zum Essen konstruktiv zu bündeln und die dahinterstehenden Akteur*innen in eine gemeinsame Diskussion zu bringen. Darüber hinaus ist sie aber auch als ein kritisches Statement der Erziehungswissenschaft mit Blick auf die Überpädagogisierung des Essens der Kinder durch zahlreiche am Diskurs beteiligte Stakeholder zu bewerten. In deren Überlegungen werden die Kinder als Konsument*innen nämlich entweder schlicht und einfach ausgeblendet oder sie werden in ihrem Umgang mit dem Essen in ein normatives Korsett gezwängt. Dass die Beitragenden in Bielefeld die Kinder und ihre Kultur des Essens konsequent in den Mittelpunkt stellten, kann deshalb wahrlich als Neuerung gesehen werden. Zwar deutete sich dies tendenziell bereits in einigen aktuellen Beiträgen an, jedoch wurde sie bislang nicht in einer solchen Eindeutigkeit als Positionierung gegen eine Vereinnahmung des Essens der Kinder von Akteur*innen aus der Erwachsenenwelt formuliert.

Zum Abschluss möchte ich bereits Appetit auf den Tagungsband machen, dessen Erscheinung Ende des Jahres geplant ist.